Kurzportrait Manfred Reinhart

Die Kunst Manfred Reinharts orientiert sich an dem hohen Ideal der Ästhetik, wie wir es etwa bei Hegel noch finden: Kunst ist demnach die sinnliche Erscheinung des Absoluten im Schönen. Da das Absolute, das höchste Wesen, das Eines und Alles oder das Göttliche aber an sich nichts Sinnliches ist, ist die Kunst die Überwindung dieses Widerspruchs in der Anschauung der Schönheit. Eine Kunst, die sich diesem Anspruch stellt, muss handwerkliche Meisterschaft, die Idee des Schönen und den Mut zur Aussage in sich vereinen. Manfred Reinhart gelingt dies in seiner Kunst. Sie will nicht provozieren (das kann jeder Dilettant), sondern sie findet zurück zur wesentlichen Aufgabe der Kunst und will produzieren, nämlich Schönheit produzieren.

Dr. Gerhard Hofweber Philosoph, Universität Augsburg 

Mit seinen Bronzeplastiken und seinen Skulpturen in Marmor, Sandstein oder Granit gilt Manfred Reinhart unter Kunstsammlern, Auftraggebern und Ausstellungsmachern gleichermaßen als einer der interessantesten Künstler des süddeutschen Raumes. Seine Themen bezieht Reinhart nicht selten aus der antiken Mythologie oder aus Motiven des christlichen Abendlandes. Dabei findet er oft zu ganz eigenständigen ikonographischen Lösungen, die den Einfluß klassischer und klassizistischer Vorbilder zwar erkennen lassen, sich letztlich aber doch als moderne gestalterische Umsetzungen der thematisch aktualisierten Sujets erweisen.
Die handwerkliche Ausführung seiner Arbeiten oszilliert zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, wobei sich das naturalistisch wiedergegebene, meist durch die menschliche Figur definierte Motiv aus dem ansonsten roh belassenen, bestenfalls grob bearbeiteten Werkstoff förmlich "herauszuschälen" scheint. Durch den Kontrast zwischen feinst wiedergegebenen Körperpartien und dem als Bruchwerk nahezu unbehandelt gebliebenen Ursprungsmaterial ruft Manfred Reinhart dem Betrachter Aspekte des Werdens und Vergehens ins Bewußtsein. Zugleich dokumentiert er die Entstehung seiner Werke als einen prozessualen Schöpfungsakt, dessen gestalterische Entwicklung für den Betrachter durch die teilweise nur grob erfolgte werktechnische Behandlung des ansonsten detailgenau bearbeiteten motivischen Trägermaterials ablesbar und nachvollziehbar erhalten bleiben soll.
Nicht selten geht es in den Skulpturen von Manfred Reinhart aber auch um Aspekte des Verhüllens und Enthüllens, was sowohl durch den Kontrast zwischen grob bearbeiteten Bruchstellen und fein herausgemeißelten Körperpartien als auch durch das Motiv des Mantels versinnbildlicht oder auch durch einige "Knöpfe" ikonographisch repräsentiert wird, welche die oberste Schicht einer Skulptur wie eine "zweite Haut" am Stein festzuhalten scheinen. Beinahe hat man den Eindruck, als würde der natürlich gewachsene Fels sich weigern, das in ihm enthaltene Motiv freizugeben.
Bisweilen werden die figürlichen Darstellungen von Manfred Reinhart wie bei einer surrealistischen Collage durch weitere körperbauliche Versatzstücke, durch partielle Blattgoldauflagen oder durch mechanische Elemente motivisch verfremdet und so in einen neuen geheimnisvollen Bedeutungszusammenhang gebracht. Andere Werke zeigen die menschliche Figur in torsohafter Fragmentierung. Antikisch anmutende Körperpartien treten dabei in eine Wechselwirkung mit kubischen oder amorphen Formen und verschwistern sich in dieser Gesamtheit zu antagonistisch gegliederten Chiffren, deren vermeintlich flüchtigem Auftauchen und deren manchmal eher latent erscheinendem Gleichgewicht durch die Verwendung widerstandsfähiger Materialien Dauerhaftigkeit und Beständigkeit verliehen wird.
Besondere Aufmerksamkeit richtet Manfred Reinhart auf den Erhalt des strukturellen Eigenwerts der zum Einsatz gebrachten Werkstoffe. Stein oder Bronze werden nicht dazu mißbraucht, Haut und Knochen, Faltenwürfe oder Federkleider in augentäuschendem Naturalismus zu imitieren, sondern bleiben mit ihren Äderungen und Körnungen in ihrer charakteristischen Materialhaftigkeit erhalten. Kaum wurde eine Stelle feingliedrig und detailgetreu gemäß der sichtbaren Wirklichkeit wiedergegeben, wird sie durch jähe Brüche oder gestalterische Aussparungen, zumindest aber durch motivische Verfremdungen konterkariert. Auf diese Weise wird dem Betrachter in Erinnerung gerufen, daß er nicht etwa einen athletischen Männerakt oder eine lasziv sich den Blicken des Betrachters darbietende Frauenfigur vor Augen hat, sondern ein künstlerisch geschaffenes, aus Stein gemeißeltes bzw. in Bronze gegossenes Kunstwerk. In diesem Sinne steht Manfred Reinhart dem antiken Pygmalion geradezu antipodisch gegenüber. Es geht ihm nicht um die naturgetreue gestalterische Umsetzung einer virtuellen Scheinwirklichkeit, die nach der Art einer wundersamen Fleischwerdung aus den Gespinsten des Geistes zur realweltlichen Existenz mutiert, sondern es geht ihm um die Funktion des Kunstwerks als zwar gegenständlich gebundenem, in seiner Materialhaftigkeit und in seinem dinglichen Eigenwert jedoch autonom bleibendem Artefakt.


Dr. Matthias Liebel, Kunsthistoriker